Was kann man machen, wenn das Kind hyperaktiv ist?

Das Kind zappelt beim Essen und hüpft beim Kartenspielen auf dem Stuhl herum, es rennt, es springt, es stolpert – es ist immer in Bewegung. Oft sind seine Impulse so stark, dass es sich oder andere verletzt. Und Konzentration auf eine Sache ist kaum länger als ein paar Minuten möglich.

‚Zappelphilipp‘ hätte man solche Kinder früher genannt oder ‚Hans guck in die Luft‘. Heute weiß man es besser: Oft leiden Kinder mit einem außergewöhnlich großen Bewegungsdrang, hoher Impulsivität und geringer Aufmerksamkeit an Hyperaktivität.

Doch was genau ist Hyperaktivität? Wie erkennt man Hyperaktivität und was kann man machen, wenn das Kind hyperaktiv ist?

Hyperaktivität – was ist das?

Der Begriff Hyperaktivität kommt aus dem Griechischen und Lateinischen: ‚hyper‘ bedeutet ‚über‘, ‚agere‘ ist der Lateinische Begriff für ‚handeln‘. Hyperaktive Kinder ‚handeln zu viel‘, sie sind lauter, zappeliger und impulsiver als andere Kinder.

Häufig wird der Begriff Hyperaktivität synonym benutzt mit ADHS, der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung.

ADHS / Hyperaktivität ist die am häufigsten diagnostizierte psychische Störung bei Kindern in Deutschland: Etwa 5 Prozent aller Kinder werden mit ADHS diagnostiziert – Jungen deutlich häufiger als Mädchen. (http://www.adhs-deutschland.de/Home/ADHS/ADHS-ADS/Haeufigkeit.aspx)

Ein Bild von einem Gehirn

Wie genau ADHS / Hyperaktivität entsteht, ist bis heute nicht ganz klar. Vermutlich gibt es eine Reihe an Risikofaktoren, die eine ADHS-Diagnose wahrscheinlicher machen. In jedem Fall spielt die (genetische) Veranlagung eines Menschen eine große Rolle: Es konnte beispielweise gezeigt werden, dass bei Menschen mit ADHS / Hyperaktivität der Transport des Botenstoffes Dopamin im Gehirn anders abläuft als bei Menschen ohne diese Diagnose. Dies beeinträchtigt etwa das Gedächtnis und das Lernen. Daneben gibt es verschiedene Faktoren, die ADHS befördern können: Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft Alkohol oder Drogen konsumiert haben, leiden mit höherer Wahrscheinlichkeit an ADHS, auch die Reizüberflutung der heutigen Gesellschaft und der Bewegungsmangel bei vielen Kindern werden häufig als Risikofaktoren genannt. Wie so oft ist es meist vermutlich eine Kombination verschiedener Umstände, die am Ende zu einer Erkrankung an ADHS / Hyperaktivität führt.

BU: Viel zu viel los im Gehirn: Menschen mit ADHS / Hyperaktivität können sich schwer auf eine Sache konzentrieren.

Symptome von ADHS / Hyperaktivität

Aber was genau sind nun die Symptome von ADHS / Hyperaktivität? Müssen sich Eltern ‚zappeliger‘ Kinder sofort Sorgen machen?

Natürlich nicht! Kinder haben von Natur aus einen hohen Bewegungsdrang – und immer wieder auch besonders unruhige Phasen. Wenn allerdings ein Kind über einen sehr langen Zeitraum hinweg auffälliges Verhalten zeigt und damit auch regelmäßig aneckt, sollten die Eltern doch einmal aufmerksam werden.

Konkret bedeutet das: Wenn Eltern vermuten, dass bei ihrem Kind möglicherweise ADHS / Hyperaktivität vorliegen könnte, sollten sie folgende Punkte genauer beobachten:

  • Ist mein Kind häufig unruhig, kann nicht still sitzen und braucht eigentlich ständig Bewegung?
  • Fällt es meinem Kind schwer, sich auf eine Sache zu konzentrieren? Schweift es häufig ab oder lässt sich durch andere Reize ablenken?
  • Ist mein Kind häufig impulsiv, kann seine Gefühle nur schwer kontrollieren und reagiert deshalb auch scheinbar übertrieben und unangemessen, etwa wenn es wütend oder ungeduldig ist?

Diese drei Punkte – Unruhe, Unaufmerksamkeit und Impulsivität – sind die zentralen Symptome von ADHS / Hyperaktivität. Wenn sie bei einem Kind auffallend häufig und lange auftreten, sollten Eltern schon einmal genauer hinschauen. Darüber hinaus sind Kinder mit ADHS / Hyperaktivität auffällig häufig trotzig oder aggressiv, haben Konflikte mit ihren Freund:innen und verletzen sich (unabsichtlich) selbst.

Später, als Jugendliche, neigen sich eher dazu, Nikotin, Alkohol oder Drogen zu konsumieren und werden häufiger straffällig als andere Jugendliche. Bei Erwachsenen werden die Symptome teilweise weniger: Etwa die Hälfte aller Menschen, die als Kinder ADHS / Hyperaktivität hatten, zeigen als Erwachsene keine Symptome mehr. Bei vielen bleibt aber die innere Unruhe, bei manchen auch der Hang zu Alkohol oder Drogen oder eine generelle Unstrukturiertheit.

Die Symptome und die möglichen Ursachen zeigt auch das folgende Video der IKK Südwest anschaulich:

https://www.youtube.com/watch?v=ORQrtfHvOg4

Wenn Eltern nun Symptome an ihren Kindern beobachten, die auf ADHS / Hyperaktivität hinweisen könnten, ist es wichtig, darauf zu achten, wie lange und intensiv diese Symptome auftreten. Eine „Phase“ ist kein Problem – schwieriger wird es, wenn das unruhige, unaufmerksame und impulsive Verhalten über einen langen Zeitraum auftritt und in mehreren Lebensbereichen zu Problemen führt. Wer sich hier unsicher ist, kann sich folgende Fragen stellen:

  • Beobachte ich das Verhalten seit mindestens sechs Monaten?
  • Verhält sich mein Kind nicht nur zu Hause so, sondern auch bei Freund:innen, in der Schule oder bei seinem Hobby?
  • Gerät mein Kind durch sein Verhalten in problematische Situationen, etwa in Konflikte mit anderen Kindern oder mit seinen Lehrer:innen?

Kann man alle drei Fragen mit ‚ja‘ beantworten, ist es sinnvoll, mit dem Kind gemeinsam ärztliche Hilfe zu suchen.

Behandlungsmöglichkeiten bei ADHS / Hyperaktivität

Doch wohin wendet man sich am besten mit seinen Fragen? Wer kann ADHS diagnostizieren oder behandeln? Und welche Möglichkeiten gibt es überhaupt, mit der Krankheit umzugehen?

Häufig führt der erste Weg zum Kinderarzt: Der kennt das Kind – im besten Fall – gut und kann Eltern dazu beraten, was ihre nächsten Schritte sein könnten. Häufig führt der Kinderarzt selbst nur ein erstes Beratungsgespräch führen und unterstützt die betroffenen Familien dann darin, weitere Ansprechpartner zu finden.

Im nächsten Schritt ist es meistens sinnvoll, eine psychologische oder psychiatrische Praxis aufzusuchen: Psychotherapeut:innen mit einer speziellen Ausbildung für Kinder und Jugendliche kennen sich mit den Symptomen und den Behandlungsmöglichkeiten rund um ADHS / Hyperaktivität meist am besten aus. Sie können die Diagnose stellen und gemeinsam mit der Familie überlegen, wie es weiter gehen kann. Denn nicht jede ADHS ist gleich – und so ist auch nicht jede Behandlung gleich.

Zunächst einmal bekommen Familien bei von den Expert:innen eine ausführliche Beratung: Die meisten Familien haben sich mit dem Thema ADHS nie zuvor intensiv beschäftigt und haben jede Menge Fragen. Gute Psycholog:innen nehmen sich neben der Diagnose viel Zeit, die Familie und deren Umstände, die Ausprägung der ADHS und die möglichen Risikofaktoren kennen zu lernen, um sich ein umfassendes Bild zu machen. Nur so kann nämlich auch die Behandlung gut auf jedes einzelne Kind und dessen Familie angepasst werden. Denn so unterschiedlich Kinder und Familien sind, so unterschiedlich kann auch ADHS auftreten.

Bei manchen Kindern liegt etwa nur ein sehr leichtes ADHS vor. Sie leiden unter ihrer Unruhe und der fehlenden Aufmerksamkeit – aber noch in einem überschaubaren Maß. Dann kann es schon helfen, wenn das Kind selbst, die Eltern und vielleicht auch die Lehrer:innen oder Betreuungskräfte zu ADHS-Expert:innen werden und gute Strategien zum Umgang entwickeln. Dafür bieten viele Psycholog:innen etwa Eltern- und Lehrertrainings an. In Einzel- oder Gruppentrainings lernen die Bezugspersonen und das Kind selbst, mit den Schwierigkeiten gut umzugehen. Manchmal genügt auch ein schriftliches Material, das Eltern und Lehrer:innen selbst durcharbeiten können.

In mittelschweren Fällen hilft häufig eine Familien- oder Verhaltenstherapie. Die Familie besucht dann regelmäßig die psychologische Praxis und lernt Strategien und Techniken, um den Alltag besser zu meistern. Welche Therapieformen am besten geeignet sind, hängt davon ab, wie die ADHS ausgeprägt ist und wie die Familienstruktur ist. Das können die Psycholog:innen gut einschätzen.

In sehr schweren Fällen gibt es auch Medikamente, die helfen können. Sehr bekannt ist beispielsweise Ritalin, es gibt aber noch andere Medikamente. Meist wird der Wirkstoff Methylphenidat genutzt, der die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn reguliert.

Es kommt allerdings eher selten vor, dass nur eine dieser Behandlungsmöglichkeiten tatsächlich genutzt wird: Meist werden verschiedene Strategien kombiniert. Häufig müssen auch unterschiedliche Ansätze einmal ausprobiert werden, bis die beste Behandlung für ein Kind gefunden ist. (vgl. https://www.takeda-adhs.de/kinder-jugendliche/behandlung/ – das Schaubild hier zeigt die Behandlungsmöglichkeiten übersichtlich)

Umgang mit ADHS / Hyperaktivität im Alltag

Kind auf trampolin - hyperaktiv

ADHS / Hyperaktivität sind oft für alle Beteiligten eine große Belastung: Das Kind selbst merkt, dass es mit seinem Verhalten immer wieder aneckt und Probleme hat. Oft fällt es ihm schwer, Freund:innen zu finden oder zu behalten – aber es kann eben nicht aus seiner Haut. Und die Eltern und Geschwister, aber auch Freund:innen und Lehrer:innen müssen das ‚schwierige‘ Verhalten abfedern, aushalten und damit umgehen. Häufig gibt es Konflikte oder Probleme in der Schule. Ein Kind mit ADHS / Hyperaktivität braucht sehr viel Aufmerksamkeit – und strapaziert die Geduld und Nerven seiner Umwelt oft sehr. Das ist für alle eine Herausforderung. Doch was kann man machen, wenn das Kind hyperaktiv ist?

Doch es gibt Strategien, im Alltag mit ADHS umzugehen:

  • Kinder mit ADHS / Hyperaktivität können sich schwer selbst regulieren. Es hilft ihnen deshalb, wenn sie von außen klare Strukturen und Routinen bekommen. Ein ordentliches Elternhaus und verlässliche Abläufe machen vieles einfacher.
  • Manchmal hilft auch eine Ernährungsumstellung. Wenig Zucker und künstliche Zusatzstoffe und ein ausgewogener Speiseplan wirken manchmal auch positiv auf die Psyche.
  • Oft ist zudem der Austausch mit anderen Gold wert. In vielen Städten gibt es Selbsthilfegruppen, oft wird auch eine Kur genehmigt. Das schenkt Eltern die nötige Kraft, ihrem Kind mit ADHS / Hyperaktivität liebevoll zu begegnen.

BU: Immer in Bewegung. Kinder mit ADHS können oft schwer zur Ruhe kommen.

Ansprechpartner und Hilfen

Deutschland:

Eine gute Anlaufstelle für Eltern, die sich unsicher sind, Fragen haben oder Hilfe suchen, ist „ADHS Deutschland e.V.“. Der Verein zur Selbsthilfe bei ADHS bietet telefonische und E-Mail-Beratung für Betroffene und viele Informationen rund um die Krankheit: http://www.adhs-deutschland.de/Home/Unser-Angebot/Telefonberatung.aspx

Auch das Infoportal ADHS Info hat nicht nur Infos für Betroffene und deren Angehörige gesammelt, sondern zeigt auch konkrete Anlaufstellen: https://www.adhs.info/fuer-jugendliche/wie-finde-ich-hilfen-und-ansprechpartner/

Wer auf der Suche nach einem Psychologen / einer Psychologin ist, findet etwa beim Psychotherapie Informationsdienst Hilfe: Hier kann deutschlandweit nach Psycholog:innen mit verschiedenen Schwerpunkten gesucht werden: https://www.psychotherapiesuche.de/pid/search

Schweiz:

Anlaufstellen finden in den einzelnen Kantonen. Ebenfalls gibt es auch die Möglichkeit auf einen Austausch mit Spezialisten zum Thema (Qualitätszirkel): Schweizerische Fachgesellschaft ADHS – Home (sfg-adhs.ch)

Selbsthilfeorganisation: Start – elpos Schweiz (adhs-organisation.ch)

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