Kinder sind zusammen

Haben Kinder Vorurteile?

Lange Zeit sind Menschen davon ausgegangen, dass Kinder frei von Vorurteilen sind. Allerdings zeigen neueste Erkenntnisse, dass dem nicht der Fall ist. In der Tat erfahren einige Kinder bereits in Kitas und Grundschulen Mobbing, Ausgrenzung, etc. Woher kommt das? Kinder habe an und für sich keine Vorurteile. Kein Mensch wird mit Vorurteilen geboren, sodass die erste Antwort auf die Frage „Haben Kinder Vorurteile?“ Nein lautet.

Womit erklären sich Experten und Forscher also das Vorhandensein der Vorurteile bei Kindern? Inwiefern beeinflussen die Eltern Kinder in ihren Vorurteilen? Wie wächst ein Kind frei von Vorurteilen auf?

Kinder und ihre Vorbilder

Kinder nehmen sich ihre Eltern und andere Bezugspersonen immer zum Vorteil. Sie beobachten sie und ahmen sie in dem, was sie machen und sagen. Wie oft kommen Kinder aus dem Kindergarten nach Hause und fügen ihrem Repertoire der Schimpfwörter einen weiteren Ausdruck hinzu? Alleine diese Tatsache zeigt den großen Einfluss, den das Umfeld auf Kinder ausübt.

Wachsen Kinder in einem Haushalt auf, in dem Vorurteile eine Rolle spielen, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass auch das Kind die Vorurteile hegt. Aus diesem Grund spielen zunächst die Eltern und andere Bezugspersonen eine große Rolle bezüglich der Vorurteile bei Kindern.

Vielleicht fragen Sie sich an dieser Stelle, wie eine vorurteilsfreie Erziehung möglich ist. Schließlich hegt jeder Mensch Vorurteile. Oft merken Sie gar nicht, wenn Sie anderen Menschen mit Vorurteilen begegnen. Mit der Zeit arbeiten sich die Vorurteile so in das Unterbewusstsein ein, dass Sie sich nicht mehr bewusst wahrnehmen.

Welchen Sinn haben Vorurteile?

Die Gesellschaft schreibt dem Begriff „Vorurteil“ in der heutigen Zeit eine sehr negative Bedeutung zu. Das führt das, dass viele Menschen recht allergisch darauf reagieren, wenn andere Menschen Vorurteile haben.

An und für sich stellen Vorurteile jedoch nichts Schlechtes dar. Wie bei vielen Dingen, macht auch hier das Ausmaß das Gift. Grundsätzlich bieten Vorurteile eine wichtige Orientierung für Menschen und vor allem für Kinder. Stellen Sie sich einmal vor, Sie werden als kleines Kind in das kalte Wasser geworfen.

Sie müssen nicht nur lernen zu schwimmen, sondern Sie müssen auch viele neue Dinge kennenlernen. Ohne Orientierungen würden Sie sich schnell verloren führen. Aus diesem Grund dienen Vorurteile zunächst einmal dem Zweck der Orientierung und Zuordnung bestimmter Dinge auf der Welt.

Was macht die Vorurteile also so negativ? Vorurteile helfen nur, sofern sie vorläufig als Orientierung gelten. Die Grenze zwischen Positiv und Negativ überschreiten die Vorurteile mit dem Moment, in dem sie das Bewusstsein als alleinige Wirklichkeit versteht. Übernehmen Sie Vorurteile in Ihr Bewusstsein und integrieren Sie sie in Ihr Weltbild, haben Vorurteile keine positive Auswirkung mehr.

Faktoren, die die Vorurteile der Kinder beeinflussen

Faktoren, die Kinder in der Bildung ihrer Vorurteile beeinflussen, sind unter anderen Folgende:

  • Erfahrungen
  • Beobachtungen
  • Das Umfeld und die Meinungen von Bezugspersonen

Kinder nehmen Differenzierungen zwischen verschiedenen Menschen war. Sie erkennen sehr schnell, dass sich andere Kinder von ihm selbst und andere Familien sich von seiner Familie unterscheiden. Sie erkennen, dass die Menschen auf der Welt verschiedene Hautfarben haben und sich durch unterschiedliche Staturen auszeichnen. So teilt es Menschen möglicherweise in dick und dünn, dunkelhäutig und hellhäutig, blond und braun, etc. ein.

Alleine diese Differenzierungen stellen noch keine Vorurteile dar. Es handelt sich schlicht und ergreifend um Feststellungen. Auf welche Art ein Kind nun mit seiner Beobachtung umgeht, hängt zum großen Teil von dem Umfeld ab. Wie das Umfeld das Kind mit bestimmten Beobachtungen umgeht, prägt auch die Sichtweise des Kindes.

Es speichert automatisch ab, wie Erwachsene mit bestimmten Unterschieden umgehen. Dabei spielt nicht nur das gesagte Wort eine Rolle. Kinder nehmen auch die nonverbale Sprache wahr. Reagieren Sie als erwachsene Person nonverbal auf einen bestimmten Umstand, nimmt das Kind die Reaktion wahr und nutzt sie als Orientierung. Umso wichtiger stellt sich der Umstand heraus, dass Kinder mit Offenheit gegenüber anderen Menschen, der Vielfalt und der Unterschiede aufwachsen.

Neben den genannten Faktoren spielen aber auch andere Faktoren in dem Bezug auf die Vorurteile bei Kindern eine Rolle.

So wirken sich unter anderem auch:

  • Medien
  • Gleichaltrige
  • Betreuer/innen in der Kita

auf Kinder aus und beeinflussen sie in ihrer Orientierung und folglich ihren Vorurteilen.

Unterscheiden sich erwachsene und kindliche Vorurteile?

Vorurteile weisen sehr viele verschiedene Facetten auf. So ist ein Vorurteil nicht gleich ein Vorurteil und bringt nicht dieselbe Wirkung mit sich. In der Tat besteht ein großer und nicht zu unterschätzender Unterschied zwischen kindlichen und erwachsenen Vorurteilen.

Während Kinder mit ihrem natürlichen Entdeckerdrang viel experimentieren und beobachten, verfügen Erwachsene oft zwischen ein festes Weltbild. Das bedeutet nicht, dass Erwachsene nicht an ihrem Weltbild und ihren Vorurteilen arbeiten können. Doch es besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen den Vorurteilen der Kinder und den Vorurteilen erwachsener Menschen.

Erwachsene Kinder
Erwachsene Menschen halten oft an ihren Vorurteilen fest. Das Wort Flexibilität scheint in dem Zusammenhang mit Vorurteilen nicht zu existieren.

Es handelt sich somit nicht mehr nur um eine Beobachtung und folglich um eine Schlussfolgerung. Es handelt sich vielmehr bereits um eine feste Tatsache, die das Weltbild der Person prägt.  

Erwachsene schreiben Vorurteilen eine bestimmte Funktion zu und gehen davon aus, dass ihr Vorurteil die einzig plausible Wahrheit darstellt.
Mit ihrem natürlichen Drang zu entdecken, experimentieren Kinder auch mit Vorurteilen. Sie nehmen die Welt aus anderen Augen dar und werden somit schnell auf Unterschiede aufmerksam.

Sie stellen Verbindungen zwischen ihren Beobachtungen dar und ziehen Schlussfolgerungen. Sie Beobachten, ordnen zu und bilden daraus teilweise eigensinnige Schlussfolgerungen, die teilweise für Erwachsene auch recht amüsant sein können.  

Eine wichtige Tatsache stellt dabei dar, Kinder in ihren Erfahrungen und Schlussfolgerungen zu leiten. Gleichzeitig tragen Erwachsene die Aufgabe, Kinder gleichzeitig sanft zu leiten und zu begleiten.

Die Sache mit dem Vor-Vorurteil

Es wurde nun zwar bereits gesagt, dass Kinder durchaus Vorurteile hegen. Grundsätzlich handelt es sich jedoch noch nicht um wirkliche Vorurteile, wie sie Erwachsene kennen. Aus diesem Grund handelt es sich bei den kindlichen Beobachtungen und Schlussfolgerungen vielmehr um Vor-Vorurteile. Erst, wenn sich ihre Schlussfolgerung festigt und sie sie als Teil ihrer Weltanschauung integrieren, handelt es sich um ein Vorurteil.

Um einmal veranschaulichen zu können, inwiefern Vorurteile bei Erwachsenen und Vorurteile bei Kindern gestalten, erhalten Sie hier ein Beispiel, wie Kinder ihre Vorurteile bilden:

Ein Kind beobachtet, wie ein Mann und ein Frau über die Straße gehen. Es entdeckt, dass der Mann mit großen Schritten über die Straße läuft. Die Frau hingegen überquert die Straße mit kleinen und langsamen Schritten. Das Kind schlussfolgert daraus, dass Männer auf eine bestimmte Art und Frauen auf eine andere über die Straße gehen.

Worin besteht an diesem Punkt die Aufgabe der Eltern? Die Aufgabe der Eltern besteht darin Kindern zu erklären, dass Menschen verschieden sind. Die Beobachtung des Kindes mag in diesem bestimmten Moment stimmen, trifft jedoch nicht auf alle Menschen zu.

Kinder wissen, je nach Alter, noch nicht um die Größe und die Vielfalt der Welt und der Menschen Bescheid. Die Aufgabe der Eltern besteht darin, die Kinder zu führen und ihnen die Vielfalt positiv und offen aufzuzeigen. So nehmen Sie bewusst Einfluss darauf, ob sich ein Vor-Vorurteil als Vorurteil etabliert, oder als Beobachtung losgelassen wird.

In diesem Zusammenhang spielt vor allem die vorurteilsbewusste Erziehung eine große Rolle.

Was ist die vorurteilsbewusste Erziehung?

Kurz und knapp gesagt besteht die vorurteilsbewusste Erziehung darin, Kindern aufzuzeigen, dass es Unterschiede in der Welt gibt. Diese Unterschiede können auf der einen Seite bereichernd und auf der anderen Seite negativ ausfallen.

So zielt die vorurteilsbewusste Erziehung darauf ab, Kindern zu zeigen, dass die Welt voller verschiedener spannender Kulturen und Menschen steckt. Gleichzeitig erkennt das Kind aber auch, dass bestimmte Menschen schlechter behandelt werden als andere. Sie werden auf die unfaire Verteilung von Gütern und Sympathien aufmerksam und lernen, dass Ungerechtigkeit in der Welt herrscht.

Dies bezieht eine deutliche Positionierung gegenüber Vorurteilen und ihren Auswirkungen in sich ein. Das Kind lernt, sich aktiv gegen die Diskriminierung und Einseitigkeit zu positionieren, die Folgen vieler häufiger Vorurteile darstellen.

Wichtig ist, dass diese Erziehung das Vorhandensein der Vorurteile nicht negiert. Im Gegenteil zielt sie auf einen guten Umgang mit den Vorurteilen ab und stärkt Kinder.

Ziele der vorteilsbewussten Erziehung

In dem Rahmen der vorteilsbewussten Erziehung verfolgt der Ansatz vier Ziele:

  1. Die Stärkung der Kinder in ihrer Identität
  2. Die Erfahrung mit Vielfalt durch bewusstes und aktives Erleben
  3. Das kritische Denken gegenüber Vorurteilen, Einseitigkeiten und Diskriminierungen
  4. Das Wehren gegen Diskriminierungen, Einseitigkeiten, Ausgrenzung und weiteren Folgen von Vorurteilen

Die Stärkung der Kinder in ihrer Identität

Setzen Sie sich aktiv mit der Identität Ihres Kindes auseinander. Zeigen Sie ihm seine Kultur, die Bräuche der Kultur und seine Vorfahren. Helfen Sie ihm festzustellen, was seine Familie alles ausmacht. Stärken Sie das Kind in der Identität und helfen Sie ihm dadurch, offen auf andere Kulturen und Familien zuzugehen.

Die Erfahrung mit Vielfalt durch bewusstes und aktives Erleben

Zeigen Sie Ihrem Kind, dass sich Menschen unterscheiden, weil sie:

  • sich unterschiedlich kleiden
  • verschiedene Interessen haben
  • andere Sprachen srechen
  • unterschiedliche Fähigkeiten und Gewohnheiten haben
  • verschiedene Haar- und Hautfarben haben

Das kritische Denken gegenüber Vorurteilen, Einseitigkeiten und Diskriminierungen

Ab dem Alter von circa 4 Jahren sind Kinder dazu in der Lage festzustellen, wenn etwas unfair ist. In diesem Zusammenhang brauchen sie die Unterstützung der Eltern und Bezugspersonen. Ihre Aufgabe besteht darin, Ihre Kinder zu unterstützen, wenn sie in den Kontakt mit unfairer Behandlung kommen. Das gilt sowohl für die Beobachtung als auch für die eigene Erfahrung mit unfairer Behandlung.

Negieren Sie nicht, dass es Ungleichheiten und unfaire Behandlung gibt. Leisten Sie Ihrem Kind vielmehr Beistand und sprechen Sie mit ihm. Lassen Sie es in Worte fassen, was es fühlt. Indem Sie der Beobachtung und/oder der Erfahrung eine Sprache verleihen, können sie das unfaire Verhalten benennen. Können Kinder das Verhalten benennen, können sie es auch zurückweisen.

Das Wehren gegen Diskriminierungen, Einseitigkeiten, Ausgrenzung und weiteren Folgen von Vorurteilen

Animieren und stärken Sie Ihr Kind darin, sich gegen Folgen von Vorurteilen zu wehren. Die Kunst besteht dabei darin, Ihr Kind als eigene Person wahrzunehmen. Sie sind Sie und Ihr Kind ist Ihr Kind. Übertragen Sie Ihren Ehrgeiz und Ihren Standpunkt nicht auf Ihr Kind, sondern stärken Sie es. Dieser Umstand trägt auch die Bezeichnung „Empowerment“.

Am besten machen Sie das, indem Sie mit Ihrem Kind sprechen und Ihm Ungleichheiten erklären. Versteht das Kind, was hinter seiner Beobachtung steckt, kommt es oft selbst auf Ideen, gegen die Ungleichheit vorzugehen.

Bettler auf der Straße

Sieht ein Kind zum Beispiel einen Bettler neben einem Restaurant sitzen, fragt es sich, wieso er nicht auch, wie die anderen Menschen, isst. Indem Sie ihm erklären, dass es einige Menschen gibt, die kein Haus haben, weil sie kein Geld besitzen, führen Sie Ihr Kind an die Ungerechtigkeit heran. Oft entwickeln Kindern in diesem Zusammenhang Ideen.

So teilen einige das Essen mit dem Bettler, bitten die Eltern, dem Bettler etwas zu Essen zu kaufen oder sie sparen das Taschengeld, um es dem Bettler zu geben.

Unterstützen Sie Ihr Kind in diesem Fall und bestärken Sie es in seinem Vorhaben, gegen diese Ungerechtigkeit vorzugehen. Zeigen Sie ich, dass es nicht hilflos ist und, dass es Lösungen und Alternativen gibt. Ermutigen Sie das Kind dazu, den Unterschied zu machen und etwas zu verändern.

Die Integration der vorurteilsbewussten Erziehung in den Alltag

Freude unterschiedlicher Herkunft

Integrieren Sie die vorteilbewusste Erziehung aktiv in den Alltag. Thematisieren Sie Unterschiede und weisen auf die Vielfalt hin. Integrieren auch Sie die vorteilsbewusste Erziehung aktiv in Ihren Alltag, indem Sie sich einige Tipps zu Herzen nehmen:

  • Ermöglichen Sie Ihrem Kind viele vielfältige Begegnungen mit verschiedenen sozialen Gruppen.
  • Thematisieren Sie bewusst die Erfahrungen Ihres Kindes mit Vielfalt. Die Kommunikation und der verbale Austausch spielen diesbezüglich eine fundamentale und wichtige Rolle.
  • Machen Sie die Vorurteile und ihre Folgen selbst zum Thema. Regen Sie Ihr Kind dazu an, sich in die Menschen, die eine unfaire Behandlung durch Vorurteile erfahren, hineinzuversetzen. Fragen Sie es gezielt, wie es sich fühlen würde, was ihm helfen würde, was es sich wünschen würde.
  • Reflektieren Sie Ihre eigenen Vorurteile und entwickeln sich somit auch persönlich weiter. Fragen Sie sich, ob und, wenn ja, welchen Gruppen gegenüber Sie Vorurteile hegen. Wieso ist das so? Was bewegt Sie zu diesen Vorurteilen?
  • Seien Sie ein Vorbild und leben Ihrem Kind aktiv Respekt, Toleranz, Handeln gegen Ungerechtigkeit und die Wichtigkeit der Menschenrechte vor.

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