Kinder halten sich Hand vor den Mund

Bis wann muss ein Kind sprechen können?

Bis wann muss ein Kind sprechen können?

  • „Oh, Ihr Kind kann ja immer noch nicht sprechen…!“
  • „Was? Ihr Kind hat noch nicht sein erstes Wort gesagt?“
  • „Wann fängt es denn endlich an zu sprechen?“

Vielleicht sind Sie mit diesen Aussagen vertraut. Möglicherweise haben diese Aussagen inzwischen Zweifel in Ihren Kopf gesetzt und in Ihnen die Vermutung geweckt, dass etwas mit Ihrem Kind nicht stimmen könnte.

Doch, bis wann muss ein Kind überhaupt sprechen können? Bis wann sollte ein Kind sein erstes Wort gesagt haben? Gibt es überhaupt „Deadlines“, die bestimmen, ab wann ein Kind möglicherweise unter einer Sprachentwicklungsstörung leidet?


Viele Eltern machen sich aufgrund des ständigen Vergleichs unter Eltern verrückt, wenn ihr Kind etwas später zu sprechen anfängt. Sie denken, dass sie ihr Kind auf besondere Art fördern müssen, um es zum Sprechen zu animieren.

Faulheit, Sprachentwicklungsstörung oder keins der beiden?

Baby mit Mütze gähnt

Wenn ein Kind noch nicht so früh anfängt zu sprechen, wie andere Kinder, machen sich Eltern oft Gedanken darüber, ob eine mögliche Sprachentwicklungsstörung der Grund für diesen Umstand sein könnte. Andere Eltern stellen sich die Frage, ob ihr Kind schlicht und ergreifend faul ist und nicht sprechen möchte.

In der Regel trifft keine dieser beiden Annahmen zu, sondern Ihr Kind entwickelt sich schlicht und ergreifend in seinem eigenen, individuellen Tempo. Den „richtigen“ Zeitpunkt, zu welchem Ihr Kind anfangen soll zu sprechen gibt es nicht und ist auch nicht klar definiert.

Bei den Empfehlungen und Richtlinien, an denen sich unter anderem auch Kinderärzte orientieren, handelt es sich um Durchschnittswerte und keine in Stein gemeißelten Gesetze.

Lassen Sie es zu, dass sich Ihr Kind in seinem ganz eigenen und persönlichen Tempo entwickelt. Vermeiden Sie es auf jeden Fall, Ihr Kind unter Druck zu setzen oder es gar zu erpressen. Bestimmt wissen Sie aus eigener Erfahrung bestens, dass mit Erpressung nichts anderes als Stress und Unwohlsein verursacht wird.

In diesem Zusammenhang sollten Sie außerdem immer im Hinterkopf behalten, dass:

  • Kinder nicht faul sind und deshalb auch nicht aus Faulheit nicht sprechen.
  • Eine Sprachentwicklungsstörung mit vielen weiteren Symptomen einhergeht und nicht nur auf der Tatsache basiert, dass Ihr Kind später spricht, als andere Kinder.

Unterschiede sind normal und gut

Stellen Sie sich einmal vor, wie langweilig es wäre, wenn alle Kinder gleich wären. Wie unglaublich monoton wäre es, wenn alle Kinder haargenau dieselben Entwicklungsschritte in demselben Tempo durchlaufen würden?

Werden Sie sich darüber bewusst, dass Unterschiede bezüglich der Entwicklung der Kinder vollkommen normal sind und aus diesem Grund keinen Grund zur Beunruhigung darstellen.

Nicht jedes Kind spricht zu demselben Zeitpunkt und nicht jedes Kind eignet sich in derselben Geschwindigkeit einen Wortschatz an, um dann mit den Mitmenschen kommunizieren zu können.

Auch, wenn Erfahrungswerte angeben, dass Kinder eines bestimmten Alters eine bestimmte Anzahl an Wörtern sprechen, sollten Sie entspannt an die Sache rangehen und weder sich noch Ihr Kind unter Druck setzen.

Mit ca. 10 MonatenViele Kinder sprechen sogenannte „Zwei-Wort-Sätze“.
Mit ca. 1 ½ JahrenViele Kinder verfügen bereits über einen Wortschatz von ca. 50 Wörtern.

Zwischen 1 ½ und 2 Jahren stellt sich bei vielen Kindern oft das Phänomen des Wortschatzsspurts ein. Unter diesem versteht man die Tatsache, dass Kinder innerhalb dieses Zeitraums sehr viele neue Wörter lernen und ihren Wortschatz somit extrem erweitern.

Später Sprecher = Faule Sprecher?

Viele Buchstaben in Rosa

Anders, als man vielleicht annehmen mag, gehören sehr viele Kinder unter die Kategorie der „späten Sprecher“. Wieso nehmen Eltern das nicht wahr? Ganz einfach aus dem Grund, weil Menschen dazu tendieren sich immer mit Menschen, die augenscheinlich besser sind als sie, zu vergleichen.

Somit gehen bei vielen Eltern direkt die Alarmglocken an, wenn sie auf ein Kind treffen, dass bereits viele Wörter kennt und auch nennt, während das eigene Kind friedlich vor sich hin schweigt.

Wirft man jedoch einen genaueren Blick auf die Zahlen fällt auf, dass zwischen 14 bis 20 Prozent der Kinder unter die Kategorie der „späten Sprecher“ fallen.

Nun drängt sich die Frage auf, durch welche Merkmale sich solche „späten Sprecher“ auszeichnen. Ein „später Sprecher“:

  • sagt mit 24 Monaten – sprich: mit zwei Jahren – noch keine 50 Wörter.
  • holt den augenscheinlichen Rückstand in der Regel bis zu ihrem dritten Geburtstag wieder auf.

Sicherlich erfordert ein „später Sprecher“ eine etwas genauere Beobachtung. Allerdings sprechen Experten erst dann von einer Sprachentwicklungsstörung und einer damit im Zusammenhang stehenden erforderlichen Förderung des Kindes, wenn es auch mit drei Jahren noch nicht spricht.

Der Fokus liegt dabei jedoch weniger auf dem Wortschatz, sondern mehr auf:

  1. Der Grammatik (Kinder verdrehen oft den Satzbau oder stellen Sätze vollkommen falsch auf)
  2. Den Lauten (die Kinder oft gerne in bestimmten Sätzen und bei einigen Worten weglassen)

So animieren Sie Ihr Kind zum Sprechen

Es besteht ein Unterschied zwischen „das Kind unter Druck setzen“ und „die Sache einfach auf sich beruhen lassen“. Sicherlich sollten Sie es vermeiden, Ihr Kind unter Druck zu setzen und es zum Sprechen zu zwingen. Zu derselben Zeit sollten Sie die Tatsache, dass es unter Kindern einige „späte Sprecher“ gibt nicht nutzen, um aufzugeben und die Sache auf sich beruhen zu lassen.

Finden Sie einen guten Mittelweg, um Ihr Kind dazu zu animieren, zu sprechen, ohne es zu stressen oder unter Druck zu setzen.

Der Alltag als gute Förderung

Mann und Mädchen in der Küche beim Abwasch

Kinder lernen eine Sprache nur, wenn sie mit ihr in Kontakt kommen. Wo kommen Kinder am besten mit der Sprache in Kontakt? – Richtig: Im Alltag. Reden Sie mit Ihrem Kind. Kommunizieren Sie und sprechen Sie es an, auch wenn Sie keine augenscheinliche Reaktion von ihm erhalten.

  1. Verwickeln Sie es in entspannte und dennoch für das Kind interessante Gespräche.
  2. Lesen Sie Ihm kleine Geschichten vor.
  3. Sehen Sie sich gemeinsam ein Bilderbuch an.

Versuchen Sie, Ihr Kind mit in die Geschichte einzubinden, ohne es jedoch abzufragen und es in eine Art „Prüfungssituation“ zu stecken. Wenn es Lust hat zu sprechen, spricht es. Wenn nicht, dann eben nicht. Sie mögen sich in diesem Moment vorkommen, wie ein Alleinunterhalter. In Wahrheit fördern Sie Ihr Kind jedoch auf sehr effektive und angenehme Art und Weise, ohne dass es das Gefühl des Zwangs, des Stresses oder des Drucks zu erfahren.

Stellen Sie die richtigen Fragen

In der Kommunikation mit Ihrem Kind ist es sehr wichtig, dass Sie die richtigen Fragen stellen. Mit der Hilfe der richtigen Fragen verhindern Sie die zuvor genannte „Prüfungssituation“ und vermeiden somit zu derselben Zeit auch, dass sich Ihr Kind unter Druck gesetzt fühlt.

Wie lesen Sie ein Buch mit Ihrem Kind? Achten Sie das nächste Mal darauf, wie Sie Ihr Kind mit in die Geschichte einbinden. Welche Fragen stellen sie?

Schaut man sich ein Bilderbuch mit einem Kind an, kommt die Frage „Wo ist der Hund?“ vollkommen automatisch. Diese kleine und augenscheinlich unscheinbare Frage, löst in einige Kindern jedoch Stress und Druck aus. Sie haben das Gefühl, auf Ihre Frage antworten zu müssen. Viele Kinder blockieren sich in diesem Fall und verzichten nicht nur auf das Sprechen, sondern auf jegliche Interaktion.

Anstatt offene Fragen zu stellen, die eine Antwort von Ihrem Kind erwarten, stellen Sie sich lieber andere Fragen, auf die Sie selbst eine Antwort geben:

  1. Oh, was ist das denn für ein Tier? Ah, das ist ja ein kleiner Hund!
  2. Mh, was macht die Kuh wohl für ein Geräusch? Oh ja, sie macht „muuuuh“!

Mit diesen Fragen fördern Sie Ihr Kind enorm und erleichtern Ihnen die Interaktion mit Ihnen. Es kann sein, dass es nicht direkt „Hund“ als Antwort auf die erste Frage gibt, sondern „Wuff“ sagt.

In diesem Fall sollten Sie unbedingt Abstand davon nehmen, Ihr Kind zu verbessern und ihm zu sagen, dass seine Aussage falsch war. Honorieren Sie seine Kommunikation und sagen: „Stimmt, der Hund macht Wuff!“.

Sie müssen keine Kassette sein

Viele Eltern setzen sich selbst unter Druck und fühlen sich in der Pflicht, ständig mit ihrem Kind reden zu müssen, um es auf die beste Art und Weise fördern zu können.

Natürlich spielen der Umgang mit der Sprache und das Einbinden von Gesprächen und das gemeinsame Ansehen von Bilderbüchern eine wichtige Rolle in dem Bezug auf die Sprachentwicklung Ihres Kindes. Allerdings heißt das nicht, dass Sie ununterbrochen, wie ein Wasserfall, auf Ihr Kind einreden müssen.

Sie dürfen durchaus Momente der Stille genießen und auch einmal still die Wäsche falten oder die Teller waschen. Versuchen Sie jedoch sogenannte „Sprachinseln“ zu schaffen, die Sie in Ihren Alltag einbauen. Erklären Sie Ihrem Kind, was Sie machen und wieso Sie die Dinge tun, die Sie machen. Je öfter Sie dieselben Situationen wiederholen und je mehr Sie dieselben Formulierungen nutzen, umso besser tastet sich Ihr Kind an die Sprache, die Wörter und die Grammatik heran.

Nutzen Sie die Interessen Ihres Kindes

Kleines Mädchen auf dem Rücken eines Pferdes

Vermutlich kennen Sie es auch von sich, dass Sie am besten neue Dinge lernen, wenn Sie Spaß an ihnen finden. Die Motivation und die Ausdauer klopfen von alleine an Ihre Tür und laden sich zu einem langen Kaffeekränzchen an. Anders gestaltet sich dieser Umstand, wenn Sie Zeit mit Dingen verbringen müssen, die Sie nicht interessieren und, die Ihnen keine Freude bereiten.

Dasselbe trifft auch auf Kinder zu. Kinder lernen am besten, effektivsten und schnellsten, wenn Sie sich für Dinge interessieren und Spaß an Ihnen haben.

InteresseMöglichkeit der Förderung
Ihr Kind liebt BaustellenGehen Sie öfter an Baustellen vorbei und verwickeln Ihr Kind an der Baustelle in Gespräche. Betrachten Sie die Bauarbeiter und die Geräte, benennen Sie die Farben der Geräte und kommentieren Sie die Arbeitsschritte. Vielleicht Freunden Sie sich sogar mit einem Bauarbeiter an und Ihr Kind bekommt die Möglichkeit einmal selbst in eines der Geräte zu steigen.
Ihr Kind liebt Pferde oder andere TiereBesuchen Sie mit Ihrem Kind einen Pferdehof oder besorgen Sie sich eine Jahreskarte für den Zoo, um die Tiere immer dann besuchen zu können, wann Sie wollen. Auch Tiere eignen sich sehr gut für die Beobachtung, das Kommentieren bestimmter Verhaltensweise, sowie die Bezeichnung der Farben. Natürlich nicht zu vergessen: Die Geräusche der Tiere, die Ihr Kind im Kontakt mit Tieren in Natur hört.

Erpressung ist der falsche Weg!

Sei es aus Verzweiflung oder aus dem Wunsch heraus, sich auch endlich mit dem ersten gesprochenen Wort des eigenen Kindes brüsten zu können, greifen einige Eltern auf die Methode der Erpressung zurück.

Sprich: Wenn du sprichst, bekommst du das Brot.

Mehrere Dinge sind falsch an dieser Methode:

  • Nicht umsonst stellt Erpressung eine Straftat dar. Wieso sollte sie also in der Eltern-Kind-Beziehung angewandt und geduldet werden?
  • Sie verlangen mit der Erpressung etwas von Ihrem Kind, das es schlicht und ergreifend noch nicht kann.
  • Sie geben Ihrem Kind das Gefühl, es nicht ernst zu nehmen und es nicht zu verstehen.
  • Erpressung steht einem Liebesentzug gleich. Sie geben Ihrem Kind das Gefühl, dass Sie es nur lieben, wenn es Ihrer Erpressung nachgibt. (Was es aber aufgrund seines Entwicklungsstands schlicht und ergreifend nicht kann!)

Gehen Sie immer davon aus, dass Ihr Kind immer auf dem Level mit Ihnen kommuniziert, das für Ihr Kind möglich ist. Es will Sie nicht ärgern, es will Sie nicht herausfordern und es will Sie nicht provozieren. Es will schlicht und ergreifend verstanden und angemessen gefördert, vor allem aber akzeptiert und bedingungslos geliebt werden.

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